Endlich wieder eine Solo-Expedition der planaren Exploratoren. Unser Ziel: das Mass Effect Universum von Bioware. Warum?
Weil wir gerne mal in Ruhe Solo spielen.
Weil wir seit ‘Baldurs Gate II’ (eine halbe Ewigkeiten her) kein Bioware Spiel mehr gespielt haben.
Weil wir uns warm spielen wollen für ‘Star Wars: The Old Republic’.
Weil es, selbst als englischer Import, nur ein paar lächerliche Euros kostet.
Also ran an die Railgun. Aber bevor wir das erfrischend trockene (!) Sience Fiction Universum von Mass Effect betreten, ein kurzer Hinweis: wenn Sie Wert auf wirklich gute Dialoge legen, spielen sie die englische Sprachversion. Die deutsche Synchro ist sicher keine Katastrophe im Range einer Asteroidenkollision… aber die englischen Orginalstimmen sind um Längen besser. Nebenbei bekommt man sogar ein paar C-Promis der Nerdszene wie Marina Syrtis auf die Ohren (a.k.a. ‘Councelor’ Dianna Troy, Star Trek).
Sobald man etwas in den Gameplay-Mix aus Rollenspiel, Taktik-Shooter und Adventure eingetaucht ist, merkt man schnell, warum Bioware zur Zeit als eine der heissesten Spiele-Schmieden der Welt gelten. Mass Effect hat all seine Preise zu Recht verdient. Das es während des Launchs etwas in den Schatten von GTA4 und Fallout 3 geriet, ist schade, aber das sollte niemanden abhalten, das Spiel jetzt nicht doch noch als Budget zu schiessen. Also eine prima Chance, um die Abenteuer des intergalaktischen Spezialagenten ‘Commander Shepard’ im verregneten Herbst fix mal durchzudaddeln.

Es knallt, raucht und strahlt in allen Farben. Taktische Gefechte, in Echtzeit oder auch mit Timestop.
Kern des Gameplays sind die sehr schicken Kämpfe, die man als 3-Mann/Alien-Team absolviert. Zahlreiche Optionen wie Psi-Fähigkeiten, Spezial-Manöver oder technische Gimmicks machen die Klopperei abwechslungsreich, bunt und spannend. Leider lässt die erbeutete Ausrüstung (Loooot!) und ihre Integration ins Spiel etwas zu wünschen übrig. Die meisten Items gleichen sich wie ein Ei dem Anderem und unterscheiden sich lediglich an der Versionsnummer hinter dem Waffennamen (nach Killerpistole III kommt Killerpistole IV). Tja, wer mehr will, muss WOW spielen, da hat jedes Taschenmesser einen eigenen Neon-Effekt mit Partikel-Schweif.
Mass Effect strahlt am hellsten in seinen Dialogen. Im Prinzip hat sich hier seit ‘Baldurs Gate’ nichts wirklich geändert. Der Spieler entscheidet sich per Mausklick aus 1-5 Dialogzeilen für ’seine’ Antwort. Je nach RPG-Talenten (‘Einschüchtern’, ‘Einschleimen’, etc…) und beteiligten Personen ergeben sich im selben Gespräch durchaus unterschiedliche Auswahl-Möglichkeiten. Was ist daran jetzt toll? Ganz einfach. Die Antworten sind cool.
Erstens bietet ‘Mass Effect’ mindestens drei unterschiedliche ‘Stimmungen’ an: Arschkriecher (sozusagen), Diplomat (sozusagen) und Drecksack (wirklich…). Man hat also immer wieder die Gelegenheit der (virtuellen) Welt richtig die Meinung zu sagen. Klasse.

Shepard plauscht mit seiner Crew. Das Aussehen des Spezialagenten kann bis zu den Augenfalten manipuliert werden. Sie müssen also nicht zwangsläufig so hässlich aussehen wie dieser planare Explorator...
Zweitens: der Überraschungseffekt. Die Antwort-Möglichkeiten, aus denen man auswählt, stimmen NICHT zu 100% mit den finalen Antworten des Helden Shepard überein. Sie geben nur die grobe Richtung vor (zur Erinnerung: Arschkriecher, Diplomat, Drecksack). Was Shepard aus diesen Vorgaben macht, ist durchaus spannend. Besonders die aggressiven Varianten enden durchaus mal mit einer Handgreiflichkeit oder einem Kopfschuss (zur Erinnerung: Drecksack). In Szene gesetzt werden die Gespräche durch die Grafik-Engine mittels grossformatiger Kameraschüsse auf die Gesichter der virtuellen Sprecher. Die Animation der Gesichtszüge passt dabei immer gut zu den Emotion, die durch Text und Stimme rüber gebracht werden. Lediglich zwischen den Animationen der einzelnen Antworten erscheinen winzige Ruckler, die den filmischen Eindruck etwas trüben. Ansonsten perfekt.

Wenn ihnen jemand komisch kommt...

Wählen Sie doch mal die unterste Antwort...

...und es kommt sofort Schwung ins Gespräch!
Wir haben Mass Effect zur Zeit zu gefühlt 50% durchgespielt. Als Höhepunkte bleiben neben den feinen Grafiken vor allem die Dialoge in den Neben-Missionen hängen. Hier haben sich die Missionsdesigner teilweise selbst übertroffen. Man trifft auf eine hochrangige Diplomatin, die den Agenten Shepard auf die Suche nach ihrer verschollenen Schwester schickt – in der Hoffnung, das die abtrünnige, unliebsame Verwandte am Ende möglichst sauber und leise über den Haufen geschossen wird. Oder man muss einen eifersüchtigfen Admiral zur Routine-Inspektion auf das eigene Raumschiff lassen, dass normalerweise in der Flotte dieses verärgerten Militärs gelandet wäre, wenn man nicht selbst schon längst zum intergalaktischen Geheimdienst abkommandiert worden wäre. Klar, dass der ranghohe Kotzbrocken kaum ein gutes Haar an Shepards schickem Prototyp-Flitzer lässt. Für das gleiche Geld hätte man 1.000 reguläre Raumjäger bauen können! Herrlich, militärische Anschisse sind immer eine feine Sache.

Ein Universum voller Arschlöcher. Gut das wir Stiefel anhaben.
Und schnell noch der letzte Tipp: lesen (oder besser hören) sie mal in das Compedium rein! Hier wird das ganze komplexe Mass Effect Universum erklärt. Und zwar meistens von einer schicken, sehr SF-mässigen Sprecher-Stimme. Dazu ein schönes Flaschenbier oder ein Glas Rotwein. Schöner kann nicht mal Guido Knopp die intergalaktische Geschichte erklären.
Mass Effect nimmt sich selber ernst und will kein Comic mit stereotypen Helden und Superschurken sein. Und siehe da: es funktioniert!