Mein Freund Ârágòrn

Geschrieben am 7. Januar 2010 in Der Name des Monats, Dungeons & Dragons Online, MMO-Szene, Netzkultur, RPG, WOW von Reaktorblock || 2 Kommentare

In Fantasy Romanen haben die Helden episch klingende Namen. Wenn die Geschichte gut und der Held interessant ist, bleiben uns diese Namen im Gedächtnis und wir erinnern uns mit wohligem Schauer an Gandalf, den Grauen, der auf einer dünnen Steinbrücke dem turmhohen Balrog entgegen schleudert: “Du kannst nicht passieren!”  Aber wenn wir uns am Samstag-Abend einer Zufallsgruppe im MMO unserer Wahl anschliessen, und dabei auf einen Charakter namens Gändalf treffen, holt uns die Wirklichkeit wieder ein. Wir denken nicht an den Herrn der Ringe, sondern an die zahllosen Hirnleichen, die gemeinsam mit uns in diesen Spielen unterwegs sind. Wir denken an die armen Menschen, für die der Augenblick der Namensfindung bei der Charakter-Erschaffung offensichtlich zur schlimmsten Folter ihres Lebens gehören muss. Anders ist es nämlich nicht zur erklären, dass sich vollkommen bescheuerte Namens-Mutationen in Online-Rollenspielen einer immensen Beliebtheit erfreuen.

Die WOW-Armory, ein herrlicher Ort, der un viele Abgründe offenbahrt. Unter anderem finden wir hier auch Gändalf, den gräuen.
Das WOW-Arsenal, ein Ort, der viele Abgründe offenbahrt. Unter anderem finden wir hier auch Gändalf, den gräuen. Und zwar 52 mal.

Und dabei ist der eigene Charakter in einem MMO das einzige, was noch ansatzweise mit Rollenspiel zu tun hat. Der Rest ist klicken, sammeln, stapeln und im besten Fall etwas Taktik um den WOW-Ringelpietz zu überleben. In Spielen, bei denen der Druck von Gamedesign und Community zwangsläufig dazu führen, das alle Spieler einer Klasse die selben Fähigkeiten (Skills) haben und die gleiche Ausrüstung tragen, ist der Name der letzte Ausdruck von Individualität. Und dann trifft man Gändalf. Ein PnP-Spieler, der diesen Namen mit an den Spieltisch bringt, würde sofort achtkantig aus dem Haus fliegen. Gilden- und Charakter-Name sind Visitenkarten. Sie verraten immer ein bisschen über den dahinter steckenden Spieler. Und wenn man dann dem Char Cool-Alli-Killa über den Weg läuft, hat man sofort eine ungefähre Vorstellung  von dem Typen, und dessen Spielweise. Namen sollten also mit Bedacht gewählt werden. Im richtigen Leben muss man damit klar kommen, was die Eltern-Generation für chique und wohlklingend hielt. In einem MMO hat man selber die Wahl. Eigentlich ein herrlicher Luxus.



Wenn man etwas tiefer in den Sumpf des schlechten Geschmackes eintauchen möchte, empfiehlt sich eine Suche in den Web-Datenbanken der grossen MMOs. Besonders die WOW-Armory ermöglicht ein herrliches Stöbern in den Produkten unserer verkümmerten Phantasie. Ein Ausgangspunkt sollen die Namen aus dem bereits erwähnten Fantasy Standardwerk “Der Herr der Ringe” sein. Eigentlich haben die Gefährten um Gandalf und Aragorn ja nichts auf einem WOW-Server verloren. Aber siehe da, eine Suche liefert immerhin sechs Gandalfs und sieben Aragorns. Eigentlich hätten wir mehr erwartet angesichts der Massen von dämlichen Namensklonen, die einem ständig über den Weg laufen. Ein Blick auf die Support-Seiten von Herstellern wie Blizzard oder Codemasters schafft Klarheit: Namen aus eigenen oder fremden Fantasy-Werken sind unerwünscht. Und natürlich auch alles, was irgendwie mit Sex zu tun hat, klar.  Auch ‘Leetspeak’ oder ‘Dudespeak’ sind untersagt. Das wirft natürlich die Frage auf, wie es besagte sechs Gandalfs und sieben Aragorns geschafft haben, dem wachsamen Auge von Mordor.. ähhh…Blizzard zu entgehen, aber das ist wohl eine Frage, die wir hier nicht abschliessend klären können.

Suchen wir also lieber noch etwas weiter und fügen mal den einen oder anderen kuriosen Strich hinzu. Elfensprache und Tschechisch sind ja offensichtlich eng verwandt. Erste Erfolge haben wir mit der Version Gândalf. 64 Einträge, nicht übel. Unser Stein des Anstosses, der Zauberer Gändalf, der Gräue, schafft es nur auf 52 Server. Ganz offensichtlich schlägt das â den Umlaut ä. Selbst Aragórn kommt weiter mit 76 Servern. Jetzt wollen wir es richtig wissen und verteilen Striche und Dächer was die Tastatur hergibt. Kein Vokal bleibt nackt: Ârágòrn. 3 Einträge, enttäuschend. Schade, denn der Name ist so bescheuert, das er schon fast wieder ironisch ist.

Aragorn
Den ‘echten’ Aragorn finden wir nur sieben mal, Gandalf schafft es nur auf sechs Server.

Kollege Aragórn hingegen existiert sage und schreibe 76 mal im WOW Universum. Soviel zum Thema Individualität.
Kollege Aragórn hingegen existiert sage und schreibe 76 mal im WOW Universum. Soviel zum Thema Individualität.
Fast schon wieder witzig. Allerdings eine Qual für alle Spieler, die den Namen irgendwo mal eintippen müssen. Und auch bestimmt lustig, falls man ihn mal buchstabieren soll.
Fast schon wieder witzig. Allerdings eine Qual beim Eintippen. Oder beim Buchstabieren.

Die absolute Top-Position wird übrigens nicht von einer Tolkien-Verwurstung besetzt, sondern von dem schnittigen, coolen Dunkelelfen Drizzt  Do’Urden aus den Werken des Hack’n'Slay-Poeten R.A. Salvatore. Drizzt selber bringt es nur auf 4 illegale Namens-Kopien, aber sein Schwippschwager Drîzzt hat eine weltweite Fanbase von 102 Kreativ-Zombies. Da kann man nur sagen: Gratz! Oder vielleicht besser: Grâtz?

Drizzt
Zwei rasiermesserscharfe Scimitars und ein gut geeichter Moral-Kompass zeichnen den Forgotten Realms-Helden Drizzt Do’Urden aus…
drîzzt
…und machen ihn zum absoluten Renner für dâch-freudige Namensdiebe: Drîzzt toppt alles mit satten 102 Namenskopien.

Aber nun ist es gut ,wir wollen das ganze nicht zu eng sehen. Das überlassen wir lieber den beinharten Rollenspielern. Auch ein Spassname kann nett klingen und eine Menge gutes über den Spieler dahinter aussagen. Wir erwähnen hier einfach mal den einmaligen Hannebambel Heckeschisser, ein DDO-Char mit einem Urhessischem Gebabbel-Namen, dessen humoriger Spieler eine Zier für jede Gilde ist. Hanne: Rock on!

Trotzdem gibt es, wie man oben sieht, eine Menge wirklich dämlicher Namen die, selbst aus der liberalen Sicht der Exploratoren heraus, am liebsten verboten werden sollten. Ârágòrn ist nicht nur peinlich, sondern er schädigt das Erlebnis der Mitspieler in schmerzhafter und zwanghafter Weise. Ârágòrn, Drîzzt und Gändalf sind nerviger Kreativmüll, dem man einfach nicht ausweichen kann. Man trifft sie nicht nur in Zufallsgruppen, sondern auch vor Auktionshäusern und Briefkästen. Sie erinnern uns immer wieder daran, das ein MMO eben kein Rollenspiel ist und dass gute Geschichten in einem Spiel Perlen vor die Säue sind. Und dass man mal wieder ein ordentliches Buch lesen sollte.

Um allen Geschädigten endlich eine Stimme zu verleihen, haben wir uns entschlossen, eine neue Rubrik einzurichten: den Namen des Monats. Wir wollen aber nicht nur die Deppen anprangern, sondern auch die Poeten ehren. Schickt uns also einen Screenshot von einem Char mit einem bemerkenswerten Namen. Bemerkenswert schön oder bemerkenswert blöd. Dazu einen kurzen Text, wo ihr den Spieler getroffen und warum ihr ihn ausgewählt habt. Die Exploratoren erledigen den Rest. Wir sind gespannt…

Ärägôrn
Und hier der Matchwinner für diesen Monat: Ärägôrn, der Untalentierte. Exakter kann ein Charakterbogen nicht werden…

Die Mikro-Transaktionen des Satans

Geschrieben am 8. Januar 2009 in Dungeons & Dragons Online, MMO-Szene, Sonstiges von Reaktorblock || 2 Kommentare

Eine Meldung geistert über die MMO Seiten: Turbine, die Firma, die ‘Herr der Ringe Online’ (HdRO) und Dungeons & Dragons Online (DDO) betriebt sucht einen Manager für Microtransactions.

OMG! Hilfe! Was fällt denen ein? Die Scheisse ist im Ventilator, alles zu spät, die Arschlöcher drehen durch.

So – oder ähnlich – hörte sich die Reaktion in den Communities an. Und nicht nur auf den Seiten von Turbine. Normalerweise wird nicht aus jeder Personalanzeige in der MMO Branche eine News-Meldung gemacht. Was ist hier passiert?

Im Vorfeld eine kurze Erklärung für die KNBs (Kacknoobs), die mit dem Begriff ‘Micro-Transaction’ vielleicht nichts anfangen können. Hierbei dreht es sich um Online-Zahlungsmethoden, bei denen Inhalte Stück für Stück bezahlt werden. Auf dem IRL-Gemüsemarkt ist dieses Verfahren seit ca. 5.000 Jahren erfolgreich im Einsatz. Bei MMOs hat sich – vor allem in der westlichen Welt – das Abonnement als Zahlungsmodell durchgesetzt.  Mikro-Transaktionen kennt der normale Online Spieler (WOW) aus finsteren Gerüchten über koreanische und chinesische Gratisspiele, deren Betreiber sich durch den Verkauf (virtueller) Ausrüstung für die (virtuellen) Charaktere in sogennanten ‘Item-Shops’ eine goldene Nase verdienen. Ein Geschäftsmodell, bei dem der Spieler sofort die Kontrolle über seine (realen) finanziellen Ausgaben verliert und direkt in den Privatbankrott rauscht. Endstation dieser Spieler-Karrieren sind Online-Poker-Räume und die Schuldnerberatung. Man stelle sich das mal vor: da hat jemand sein voll-lila-IMBA-T15-Set nicht durch monatelanges, ehrliches, stupides Dauer-Raiden in der aktuellen Sado-Maso-Instanz zusammengefarmt sondern einfach so mit echtem Geld gekauft. Wie soll man im Spiel die ehrlichen Vollzeit-Versager (Black Tempel) von den reichen Schnöseln (Item-Shop) unterscheiden?  Solche Gedanken scheinen in den Köpfen der MMO-Spieler rumzuspuken. Micro-Transactions = Itemshop = Untergang der westlichen MMO-Welt.

Zugegeben, für Rollenspiele, in denen man sich die Ausrüstung mit richtigem Geld zusammen kauft, habe ich ebenfall Null Toleranz. Das widerspricht dem Geist eines Spieles, der darin besteht, dass man sich bestimmten Regeln unterwirft und versucht, auf dieser Regelbasis erfolgreich zu sein. Mag sein, dass man heutzutage in den grossen Fussballligen, mit Geld Spieler, Stadien und ganze Vereine kaufen kann. Erfolge müssen aber immer noch durch Tore auf dem Platz erzielt werden. Nun sind MMOs aber nicht nur eine moderne Form des Gesellschafts-Spieles, sondern auch Entertainment. Sie stehen irgendwo zwischen klassischen Daddel-Games, Kino, TV und Vereinssport. Und da ist durchaus Platz für Mikro-Bezahlung. Schliesslich musste man damals 1976 an der Kinokasse auch nur für ‘Krieg der Sterne’ bezahlen. ‘Das Imperium schlägt zurück’ und ‘Rückkehr der Jedi Ritter’ wurden erst bei Erscheinen inkassiert. Niemand käme auf die Idee, Abonnements für Kino-Serien zu zahlen. Oder?

Das Beipiel klingt konstruiert, trifft aber den Kern der Sache. Warum bezahlen MMO Spieler so gerne für Inhalte, die sie erst viel später oder gar nicht nutzen? Warum bezahle ich für zwölf Klassen, wenn ich doch nur den Paladin spielen will? Warum bezahle ich bei WOW für die ‘Allianz’, wenn ich sie eigentlich für einen schleimigen Moralisten-Haufen halte, den ich nie anrühren werde? Wieso zahle ich für den schwarzen Tempel, wenn ich ihn niemals, niemals, niemals betreten werde? Die Antwort: wir sind es durch die alte Traditon des Spiele-Kaufs-in-der-Schachtel-bei-MediaMarkt gewöhnt. Wir wollen immer alles haben, was dazu gehört. Aber MMOs sind grösser als Tomb Raider und Quake. Die Spieldauer ist um ein vielfaches länger. Deswegen gibt es ABOs. Aber die sind meiner Meinung nach nicht immer die optimale Lösung.

Meine These: je grösser ein MMO ist, je länger man levelt, je mehr Start-Optionen an Rassen, Klassen oder Gebieten vorhanden sind, je sinnvoller sind Mikro Transaktionen. Für den Spieler. Für die Hersteller ist es durchaus sinnvoll, sich die teure Entwicklung des gesamten Spieles durch einen Boxverkauf und durch fette ABO-Gebühren von allen Spielern und von Anfang an bezahlen zu lassen. Auch wenn 3/4 der Spieler nach 1/4 des Spieles wieder aussteigt. Man sieht bei ‘Age of Conan’ sehr genau, wohin das führt. Wieso habe ich nicht nur Tortage bezahlt? Das war gut, der Rest des Spieles war Kernschrott.

Die Alternative sind Spiele, bei denen man sich bestimmten Features nach und nach bei Bedarf frei schaltet: Klassen, Rassen, komplette Gebiete oder auch nur Dungeons/Instanzen. Für langsame Gelegenheitsspieler ist das besonders sinnvoll. Guild Wars hat übrigens einen ähnlichen Ansatz. Bei DVDs und Büchern ist es vollkommen logisch, dass man sie an der Kasse bezahlt, wenn man sie konsumiern will. Und weil dieses Verfahren gut ist, wird auch mehr Geld mit DVD Verkauf als mit Pay-TV  (z.B. premiere) verdient. Das Turbine über solche Ansätze nachdenkt, finde ich gut. Einen Item-Shop können sie sich aber in die Haare schmieren…