Fallout New Vegas. Teil 1 der Exploratoren-Kritik: ein Spiel wie eine (kaputte) Kathedrale.
Geschrieben am 12. August 2011 in Netzkultur, RPG, Single Player, Sonstiges von Reaktorblock || 5 Kommentare
Die Liste der Games, die die Exploratoren unbedingt noch spielen wollen, bevor wir in die Kiste hucken, ist verdammt lang. Aber nun haben wir es geschafft, eine der peinlichsten Lücken in unserer Gaming-Historie zu schliessen: wir haben ein Spiel aus der Fallout-Reihe durchgezockt. Und was sollen wir sagen? Fallout New Vegas (FONV) ist ein verdammtes Meisterwerk.
Wir können und wollen das Spiel nicht mit seinen Vorgängern vergleichen, weil wir Fallout 1-3 ja nicht gespielt haben. Möglicherweise sind diese Games orgineller und New Vegas ist nichts weiter als der vierte Aufguss eines tollen Konzeptes. Wenn man das Spiel aber allein stehend betrachtet, ist es echte Kunst. FONV hat nicht nur die Exploratoren begeistert, sondern auch in der Presse kam das Spiel gut an. Ein Kritikpunkt, den man allerdings immer wieder hört, ist die unspektakuläre Grafik. Auch hier stimmen wir zu: New Vegas ist potthässlich. Seit dem Erscheinen beschäftigen sich Horden von gelangweilten Programmierern mit kritischem Freizeitüberschuss (–> Modder) damit, die Optik des Spieles zu verbessern. Aber muss das wirklich sein? Unserer Meinung nach passt die triste Grafik perfekt zum Setting des Games. Sie zeigt uns eine zerbombte, verstrahlte Zukunft, in der niemand wirklich leben möchte. Selbst die ehemals schillernde Glücksspielmetropole Las Vegas wirkt wie ein armseliges Dreckloch. Und das ist gut so! Erst durch den Schmutz und den braunen Staub der traurigen amerikanischen Wüste entfaltet das Setting von Fallout New Vegas seine Wirkung, denn das Spiel ist eine Umkehrung des amerikanischen Traumes.
Die naive Zukunft, die wir in FONV kennen lernen, mit ihren albernen Blech-Robotern und klobigen Strahlenkanonen ist die selbe Art von Sience Fiction, wie man sie sich im selbstverliebten Amerika der 50er Jahre vorstellte. Der einzige und entscheidende Unterschied zwischen New Vegas und der Zukunftsvision der 50er ist: keine Zivilisation der Welt überlebt einen Nuklearkrieg. Während man in den Nachkriegs-USA davon ausging, dass man einem Atomschlag prima entgehen kann, wenn man sich hinter einem Schreibtisch duckt, zeigt Fallout brutal und zynisch was thermonuklearer Krieg bedeutet. Und diese Demontage der amerikanischen Naivität zieht sich stringent durch Optik, Musik und Handlung. Nichts ist gut, nichts ist schön, nichts ist sicher, niemand ist fair.
Das Tolle daran: das Spiel macht trotz aller Finsternis einen Mordsspass. Das liegt zum einen am fiesen Humor. Aber auch der hohe Detailgrad, mit dem die Trümmerwüste beschrieben wird, ist beeindruckend. Es fällt schwer, in New Vegas mit seiner unverbrauchten Spielwelt (keine Elfen, keine Zwerge, keine Zauberer mit spitzen Hüten!) nicht zu versinken. Die Exploratoren haben ca. 70 Stunden Spielzeit in dem Spiel versenkt. Und wir haben lange noch nicht alles erforscht!
MMO-verwöhnte Casual-Gamer sollten aber vorsichtig sein, denn FONV ist nicht WOW. Es schmeisst viele kuschlige und lieb gewonnene Spielmechanismen über den Haufen. Wer damit rechnet, brav an die Hand genommen zu werden, um gemütlich von Belohnung zu Belohnung zu wandern, kann einpacken. Die Kämpfe sind hart, besonders am Anfang. Man muss sich eingehend mit dem Skill-System beschäftigen und man sollte auf keinen Fall glauben, dass man strategische Fehler in der Charakterplanung irgendwie ausgleichen kann. Verskillt ist verskillt. Lieber nochmal von vorne anfangen. Auch die eingebaute Pausen-Funktion (VATS) macht die Gefechte nicht einfacher. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass FONV sich mit einem gut geskillten Charakter auch ohne VATS prima spielen lässt. Mit einer problematischen Skillung hingegen wird das Spiel schnell zu Qual.
Das Item-System ist praktisch die Umkehrung sämtlicher moderner Konventionen: statt ständig bessere Gegenstände einzusacken, ist man die meiste Zeit verzweifelt bemüht, die Ausrüstung, die man sich hart erkämpft hat, in Schuss zu halten. Waffen benötigen ständig teure Munition und sämtliche Ausrüstung leidet stark durch Abnutzung. Der Verfall ist ein zentrales Thema des Spieles. Nichts bleibt für die Ewigkeit.
Wenn man aber irgendwann mal den Bogen raus hat, passiert genau dass, was ein gutes Rollenspiel ausmacht: durch die ständigen Bemühungen wächst einem der Charakter (und seine schrottige Ausrüstung) fest ans Herz. Dann kann man die tollen Stories geniessen, die FONV erzählt. Man kann die skurrilsten Typen kennen lernen und sie seltsamsten Orte finden. Plötzlich wird das Spiel geschmeidig. Und damit das auch bei Ihnen passiert, haben die Exploratoren ein paar Tipps im nächsten Artikel zusammen gestellt, die den Einstieg etwas leichter machen sollten. Bleiben Sie am Radio! Und denken Sie dran, wenn es blitzt: duck and cover!!!
Teil 1 der Exploratoren Kritik: die Schönheit des Verfalls.
Teil 2 der Exploratoren Kritik: Tipps & Tricks












